Ratgeber · Sicherheit

Gleitschirm EN-Klassen — der vollständige Überblick

EN-A bis CCC, das Test-Verfahren EN 926-2, die häufigsten Missverständnisse und welcher APCO-Schirm in welcher Klasse spielt.

von Flyapco · 16 Min

Die EN-Norm (EN 926-2) klassifiziert Gleitschirme nach passiver Sicherheit in fünf Klassen: A (Anfänger), B (Aufstieg), C (Performance), D (Wettkampf) und CCC. Sie wird von akkreditierten Test-Labors wie Air Turquoise oder Aero Tests durchgeführt.

Das ist die Kurzfassung. In diesem Guide gehen wir tiefer: Wie das Test-Verfahren wirklich funktioniert, warum dieselbe Schirm-Familie unterschiedliche Klassen pro Größe haben kann, und welcher APCO-Schirm zu welcher Klasse gehört.

Was ist die EN-Norm und warum gibt es sie?

Bis Anfang der 2000er gab es in DACH die LTF (Lufttüchtigkeits-Forderung) — eine deutsche Norm. International gab es die AFNOR (französisch) und DHV (deutsch). Pilot:innen, die mit unterschiedlich zertifizierten Schirmen flogen, hatten kein einheitliches Sicherheits-Verständnis.

Mit EN 926-2 wurde 2010 ein einheitlicher europäischer Standard eingeführt. Heute werden alle in DACH verkauften Schirme nach EN getestet. LTF, AFNOR und DHV sind Geschichte.

Das Ziel der Norm: ein Schirm soll auf dem Test-Stand zeigen, wie er sich in 25 standardisierten Manövern verhält — von Klappern bis Vollstall. Daraus entsteht eine Klasse, die Pilot:innen weltweit gleich verstehen.

Die fünf EN-Klassen — A, B, C, D, CCC

Die Klassifizierung folgt dem Pilot-Anspruch:

EN-A — der Schul-Schirm

  • Maximal gutmütig, kehrt aus jeder Störung selbstständig in den Normalflug zurück
  • Pflicht-Klasse für Flugschulen
  • Beispiele aus APCO: KARISMA II, VISTA VI, Adama (Trainer)
  • Eignung: Anfänger:innen mit 0–80 Flugstunden

EN-B — der Aufstiegs-Schirm

EN-B ist die größte Klasse — hier passiert die meiste Pilot-Karriere. Innerhalb der EN-B unterscheiden Hersteller drei Sub-Stufen:

  • Low-EN-B — grenzt an EN-A. Schirme wie der erste Aufstieg nach Schul-Schirm
  • Mid-EN-B — der Standard für Privat-Pilot:innen mit 100–500 Stunden
  • High-EN-B — grenzt an EN-C. Premium-Klasse für ambitioniertes XC-Fliegen

Beispiele aus APCO: Hybrid (Mid-EN-B), NESTRA (High-EN-B)

EN-C — der Performance-Schirm

  • Verlangt aktives Fliegen, schnelle Reaktion auf Klapper
  • Für ambitionierte XC-Pilot:innen mit 200+ Stunden
  • Höhere Streckung (6+), schmalere Außenflügel
  • Klapper sind dynamischer, Wiederbefüllung verlangt Pilot-Eingabe
  • APCO bietet aktuell keinen reinen EN-C — der Performance-Sweet-Spot liegt auf der NESTRA (High-EN-B)

EN-D — der Wettkampf-Schirm

  • Zwei-Leiner, hohe Streckung (6.5–7+), kein Anfänger-Gerät
  • Klapper sind schnell und können in Schräglagen kritisch werden
  • Nur für FAI-Wettkampf-Pilot:innen mit 500+ Stunden
  • Versicherer schließen oft EN-D-Flüge aus oder verlangen Spezial-Tarife

CCC (Competition Class Certified)

  • Die Spitze. Nur für FAI-Wettkämpfe
  • Streckung jenseits 7, extrem dynamisches Verhalten
  • Klassisch in der Welt-Spitze (Naviter, R, Triple-Seven, Niviuk Klimber…)
  • Kein Hobby-Gerät

EN-A — der Schul-Schirm im Detail

EN-A heißt: ein Schirm muss sich in allen 25 Test-Manövern gutmütig verhalten. Das schließt Klapper bis 50 % der Spannweite, Frontstall, Vollstall und Steilspirale ein.

Was ein EN-A nicht heißt: dass nichts passieren kann. Ein EN-A kann auch klappen, kann auch schlecht aufziehen, kann auch fehlerhaft fliegen — wenn der/die Pilot:in grobe Fehler macht. Aber: in dem Moment, in dem du den Schirm “loslässt” (Bremsen freigibst), kommt er aus eigener Stabilität wieder zur Normalität.

Die häufigsten Pilot-Fehler in der EN-A Phase:

  • Bremse einseitig zu lang gehalten (Folge: Steilspirale-Tendenz)
  • Aktiv gegen Klapper “gegen-bremsen” (Folge: Verschlimmerung)
  • Steuerung in starker Thermik überaktiv (Folge: Pendel-Wirkung)

EN-A verzeiht das, EN-B oft nicht. Genau darum ist EN-A für Anfänger:innen kein “limitierender Sicherheits-Standard”, sondern ein aktiver Lehrer.

EN-B / Low-EN-B — Aufstiegs-Schirm

Low-EN-B ist nur ein Hauch dynamischer als High-EN-A. Wer von einem Schul-Schirm direkt in Low-EN-B wechselt, merkt:

  • leicht direkteres Aufzieh-Verhalten
  • schmaleres Geschwindigkeits-Fenster — Bremse muss feiner dosiert werden
  • bei Klappern: kürzere Eigen-Wiederbefüllung, aber noch immer ohne Pilot-Eingabe

Als typischer Wechsel-Zeitpunkt: 50–100 Flugstunden auf Schul-Schirm + Sicherheits-Training, dann Low-EN-B. Apco bietet hier den Hybrid als Mid-EN-B (zwischen Low und Mid).

High-EN-B — die Premium-Klasse

High-EN-B ist der Sweet Spot für viele erfahrene Privat-Pilot:innen. Performance-mäßig nahe EN-C, sicherheits-mäßig noch im B-Bereich.

Anforderungen:

  • 80–150 Flugstunden auf Mid-EN-B
  • Sicherheits-Training mit Klapper-Manövern
  • regelmäßige Flugzeit (mindestens 50–80 Std/Jahr)
  • aktive Pilot-Eingabe als Reflex (nicht als bewusste Reaktion)

Der APCO NESTRA ist das High-EN-B Modell im Sortiment. Charakter: 2.5-Leiner, performance-orientiert, mit dem typischen High-B Verhalten — direktes Handling, schnelle Reaktion, aber im EN-B-Sicherheits-Rahmen.

Vergleich zwischen NESTRA und VISTA VI: siehe vista-vi-vs-nestra.

EN-C — der Performance-Schirm

EN-C ist die Klasse, in der Pilot-Eingabe Pflicht wird. Klapper geschehen schneller, größer, dynamischer. Der Schirm verzeiht weniger.

Empfehlung: nicht direkt aus High-EN-B nach EN-C wechseln. Zwischenstation: 1–2 Saisons High-EN-B mit aktivem Flugstil + erweitertes Sicherheits-Training (Manöver-Schulung mit Tandem über Wasser).

EN-C ist nicht das Ende der Karriere — es ist der Eintritt ins ambitioniertere XC-Fliegen. Wer Wettbewerbe fliegt oder XC-Distanzen über 200 km plant, braucht ihn.

EN-D — Wettkampf, nicht für Hobby-Piloten

EN-D ist die Klasse für FAI-Wettkampf-Pilot:innen. Hier sind Klapper potenziell kritisch — die Pilot:in muss sie aktiv und sofort behandeln.

Versicherungstechnisch in DACH problematisch: viele Pilot:innen-Versicherungen schließen EN-D explizit aus oder verlangen Wettkampf-Spezial-Tarife.

Empfohlene Erfahrung: 500+ Stunden, davon 100+ auf EN-C, mit Wettkampf-Erfahrung.

CCC und Zwei-Leiner — die Spitze

CCC sind Schirme der FAI Competition Class — Streckung 7+, Zwei-Leiner-Konzept (nur A- und B-Riser), ohne D-Reihe. Für Wettkampf-Eliten.

APCO baut keine CCC-Schirme. Für die Marken-Identität sind robuste Schul- und Performance-EN-B-Modelle wichtiger als das Wettkampf-Top-Segment.

Wie ein Schirm zertifiziert wird (EN 926-2)

Das Test-Verfahren in der Praxis:

  1. Hersteller schickt jede Schirm-Größe an ein akkreditiertes Labor (Air Turquoise, Aero Tests, EAPR)
  2. Das Labor fliegt jede Größe einzeln durch die 25 Manöver
  3. Pro Manöver wird das Verhalten auf einer Skala A–F bewertet:
    • A = ideales Verhalten (gutmütig)
    • B = leicht dynamisch
    • C = deutlich dynamisch
    • D = sehr dynamisch
    • E = problematisch
    • F = nicht akzeptabel
  4. Aus der schlechtesten Bewertung in einem kritischen Manöver entsteht die Gesamt-Klasse:
    • alle A → EN-A
    • 1× B in nicht-kritisch → noch EN-A
    • 1× B in kritisch → EN-B
    • usw.
  5. Strukturelle Belastungstests (EN 926-1) prüfen die Festigkeit mit 8-fachem Pilotengewicht — getrennt von der EN-A-D Klassifizierung, aber Pflicht für Zertifizierung.

Das Test-Bericht-Dokument hat 30–50 Seiten pro Schirm-Größe und enthält auch Foto-Sequenzen der Manöver. Bei APCO findest du die Berichte in den Downloads-Sektionen jedes Produkts.

Die wichtigste Erkenntnis: Klasse pro Größe

Ein Schirm-Modell kann unterschiedliche EN-Klassen pro Größe haben. Beispiel: ein Schirm könnte sein:

  • Größe S: EN-A
  • Größe M: EN-A
  • Größe L: EN-B (höhere Belastung, andere Reaktionsgeschwindigkeit)
  • Größe XL: EN-B

Das ist kein Fehler — das ist der ehrliche Test. Pilot:innen mit hohem All-up-Gewicht fliegen oft die größere Größe, die in der höheren Klasse zertifiziert ist.

Konsequenz: prüfe immer die Klasse für deine Größe, nicht für das Schirm-Modell als Ganzes. Im APCO-Datenblatt steht das pro Größe getrennt.

APCO Schirme nach EN-Klassen

ModellEN-Klasse(n)Charakter
KARISMA IIA (alle Größen)Klassischer Schul-Schirm
VISTA VIA (alle Größen)High-EN-A 2.5-Leiner
HYBRIDB (Mid)Hybrid-Konstruktion, leichter EN-B
HYBRID TandemATandem-Hybrid
NESTRAB (High)Premium-Performance EN-B
Game MKIIIAEN-A Sport-Variante
ADAMA(nicht zertifiziert)Boden-Trainer, kein Höhenflug

Schul-Pilot:innen wählen typisch zwischen KARISMA II und VISTA VI. Aufsteiger:innen nach 50+ Stunden zwischen VISTA VI und HYBRID. Erfahrene XC-Pilot:innen zwischen NESTRA und (extern) Wettkampf-Schirmen.

EN vs LTF — was bei alten Schirmen zu beachten ist

Wer einen gebrauchten Schirm mit LTF-Klasse vor 2010 sieht: Vorsicht.

Grobe Übersetzung (nicht exakt!):

  • LTF-1 ≈ EN-A
  • LTF-1-2 ≈ Low-EN-B
  • LTF-2 ≈ Mid- bis High-EN-B
  • LTF-2-3 ≈ EN-C

Aber: alte LTF-Schirme wurden nach anderen Belastungs-Standards getestet. Der strukturelle Festigkeit-Test (EN 926-1) wurde verschärft. Ein alter LTF-1 ist nicht automatisch ein moderner EN-A.

Empfehlung: wenn du einen LTF-Schirm gebraucht kaufst, lass ihn von einer Werkstatt prüfen, ob er den modernen EN-Belastungs-Standards noch entspricht.

Was die EN-Klasse NICHT sagt

Wichtige Klarstellungen:

  • Klasse ≠ Geschwindigkeit. Ein EN-A kann genauso schnell sein wie ein EN-B (V-Trim ähnlich). Der Unterschied ist Pilot-Anspruch.
  • Klasse ≠ Gleitzahl. Manche EN-A haben bessere Gleitzahl als alte EN-B.
  • Klasse ≠ Schirm-Qualität. Ein günstiger EN-D ist schlechter als ein teurer EN-A. Klasse beschreibt nur das Pilot-Anspruchs-Profil.
  • Klasse ≠ “darf nicht klappen”. Auch EN-A klappt — nur kontrollierter.

FAQ — die häufigsten Fragen

Kann ich von EN-A direkt auf EN-C wechseln? Theoretisch ja, praktisch ein Fehler. Der Pilot-Anspruch-Sprung ist zu groß. Empfehlung: A → High-A → Low-B → Mid-B → High-B → C über mehrere Jahre.

Bin ich mit EN-A “limitiert”? Nein. Mit einem modernen High-EN-A (z.B. VISTA VI) sind XC-Distanzen von 100+ km fliegbar.

Welche Klasse hat mein Wunsch-Schirm in meiner Größe? Steht im APCO-Datenblatt. Wenn unsicher: frag uns oder schau in den verlinkten Test-Bericht.

Wie oft muss ich neu zertifizieren lassen? Nicht. EN-Zertifizierung ist eine Typ-Zertifizierung — sie gilt fürs Modell, nicht für jeden Einzelschirm. Du musst aber den 2-Jahres-Check machen lassen (siehe unseren Wartungs-Ratgeber).

Zusammenfassung

Die EN-Klasse ist der wichtigste Sicherheits-Indikator beim Schirm-Kauf. Aber sie ist kein einziger Wert — sie ist ein Bündel aus Klasse pro Größe, Pilot-Anspruchs-Profil und Bauart.

Praktischer Pfad für Anfänger:innen → erfahrene Pilot:innen:

  1. Schul-Schirm EN-A (KARISMA II)
  2. Aufsteiger High-EN-A (VISTA VI) nach 30–80 Stunden
  3. Mid-EN-B (HYBRID) nach 100+ Stunden + Sicherheits-Training
  4. High-EN-B (NESTRA) nach 200+ Stunden mit aktivem Flugstil

Dieser Weg dauert 3–7 Jahre. Wer schneller geht, riskiert mehr. Wer langsamer geht, lernt sauberer.

Bei Fragen zu deiner spezifischen Klassen-Auswahl: [email protected] — wir helfen ehrlich, auch wenn die Antwort “noch nicht” lautet.